Chanforan, Foto: CL
Eine europäische Glaubensbewegung zwischen Bibeltreue, Verfolgung und Erneuerung
Die Waldenser sind eine der ältesten vorreformatorischen Bewegungen Europas. Ihre Geschichte beginnt im 12. Jahrhundert und reicht über Verfolgungen, Reformen und Neubeginne bis in die Gegenwart.
1. Die Anfänge im 12. Jahrhundert
Der Ursprung der Bewegung liegt um 1170 bei Waldes (der Vorname Petrus erscheint erst im 14. Jahrhundert), einem wohlhabenden Kaufmann aus Lyon. Der Legende nach entschied er sich nach einem tragischen Ereignis im Freundeskreis zu einem radikalen Wandel. Nach gründlichem Studium der Heiligen Schrift, die ihm Priester aus dem Lateinischen in die provenzalische Volkssprache übersetzt hatten, kam er zu folgendem Entschluss:
Aus seiner Gefolgschaft entstand die Gruppe der „Armen von Lyon“. Ihre besonderen Kennzeichen waren:
Die Laienpredigt ohne kirchliche Erlaubnis führte 1184 auf dem Konzil in Verona zur Exkommunikation sie wurden als Schismatiker (Abweichler) gebrandmarkt.
2. Ausbreitung und Verfolgung
Trotz Verbote breitete sich die Bewegung rasch – von Spanien bis ins Baltikum aus. Gleichzeitig verschärfte die Kirche den Druck:
Dort entstanden geheime Versammlungsorte wie die Höhlenkirche von Angrogna. Da Bibeln kaum zugänglich waren, lernten viele Waldenser weite Teile der Schrift auswendig – ein eindrucksvolles Zeugnis ihrer Glaubenstreue.
3. Lehre und Lebenspraxis
Über Jahrhunderte prägten einige Grundüberzeugungen das waldensische Glaubensleben:
Innerhalb der Bewegung kam es auch zu regionalen Unterschieden, etwa zwischen französischen und lombardischen Waldensern (1218).
4. Anschluss an die Reformation (1532)
Ein Wendepunkt war die Synode von Chanforan im Jahr 1532. Beeinflusst vom Genfer Reformator Guillaume Farel und wenig später von Johannes Calvin, schlossen sich die Waldenser der Reformation Schweizer Prägung an.
Damit wandelte sich die Bewegung zu einer reformierten Kirche. Wichtige Veränderungen:
5. Leidenszeit im 17. Jahrhundert
Die Zeit zwischen 1650 und 1690 war von dramatischen Verfolgungen geprägt. Besonders bekannt:
Die „piemontesischen Ostern“ (1655)
Erneute Verfolgungen 1685–1686
Nach der Aufhebung des Edikts von Nantes verschärfte sich die Lage erneut. Die Waldenser mussten sich entscheiden: Flucht oder Konversion zum katholischen Glauben.
Viele gelangten über Genf nach Deutschland – darunter jene Gruppen, die später Rohrbach, Wembach und Hahn gründeten (1699).
6. Die „Glorieuse Rentrée“ - Glorreiche Rückkehr (1689)
Ein außergewöhnliches Ereignis war die Rückkehr (Rentrée) einer Gruppe Waldenser unter Führung von Henry Arnaud in die piemontesischen Täler. Trotz schwerer Bedingungen konnten sie ihre Gemeinden erneut aufbauen. Sie gilt bis heute als Symbol des Durchhaltewillens dieser Glaubensgemeinschaft.
7. Endgültige Ausweisung 1698
Da sie sich weigerten zu konvertieren wurden die Waldenser aus dem Piemont ausgewiesen, sie galten als französische Religionsflüchtlinge und wurden regelrecht vertrieben. Etwas 3.000 Menschen begaben sich auf die Flucht über die Schweiz nach Hessen, Brandenburg, Preußen Pfalz und Württemberg. In den protestantischen Gebieten gründeten sie neue Gemeinden.
In Italien gewährte man den eingepferchten Waldensern, die nicht zu den französischen Waldensern gehörten, erst 1848 die Bürgerrechte, was ihnen ermöglichte sich frei zu bewegen und Orte zu gründen. Ihre Glaubensfreiheit erhielten sie erst 1984 als das 1929 ausgehandelte Konkordat, fiel.
8. Neuzeit und Gegenwart
Nach den napoleonischen Kriegen begann für die Bewegung eine Phase der Anerkennung und Erneuerung:
Die Leitung liegt bei der Tavola-Valdese, die jährlich auf der Synode in Torre Pellice gewählt wird.
Heute gilt das soziale Engagement der Waldenser, der Flüchtlingshilfe, der Diakonie, oder etwa mit dem „Servizio Cristiano“ in Riesi (Sizilien) den Projekten für Kinder, Jugendliche und Familien.
9. Entwicklung in Rohrbach-Wembach-Hahn
1699 – 1700 konnte ein Teil der Waldenser (48 Familien) dank der Zustimmung des Landgrafen Ernst Ludwig zu Hessen Darmstadt auf seinen herrschaftlichen Höfen Rohrbach, Wembach und Hahn eine Kolonie gründen. Sie nannten sich fortan bis heute Evangelisch-Reformierte Kirchengemeinde, Waldenser-Kolonie, Rohrbach-Wembach-Hahn.
Eine Bedingung des Landgrafen, die reformierten Glaubensflüchtlinge sollten ihr Glaubensbekenntnis schriftlich vorlegen. Dieses ließ er in der theologischen Fakultät in Gießen prüfen, um zu sehen, ob es mit seinem lutherischen Glauben konform war.
Die Waldenser wiederum handelten unter der Führung Peter Valkeniers mit dem Landesherrn die sogenannten „Darmstädter Privilegien“, die in 33 Artikel ihre Ansiedlung ordnete und sehr zu ihren Gunsten waren, aus.
10. Das Symbol der Waldenser
Ihr Glaube und ihre Hoffnung drückt sich im kreisförmigen Logo als Symbol aus.
In der Mitte des Logos die Bibel als Mittelpunkt ihres Glaubens. Darauf ein Leuchter, „Licht in der Finsternis“. Umgeben von sieben Sternen, diese weisen auf die im letzten Kapitel der Bibel - der Offenbarung – geschilderten sieben Urgemeinden hin, zu denen sie sich zählten. Schließlich der Schriftzug, ein Bibelwort aus dem Johannesevangelium, Kap. 1, Vers 5:
„Lux lucet in tenebris“ – Das Licht leuchtet in der Finsternis.
Dieses Symbol bringt ihren Glauben und ihre Hoffnung zum Ausdruck!
Waldensergemeinde RWH1170 – Beginn der Predigt von Waldes
Waldes lässt die Bibel übersetzen und gründet die Bewegung der "Armen von Lyon".
1184 – Verurteilung
Die Waldenser werden offiziell zu Häretikern erklärt.
1532 – Synode von Chanforan
Die Waldenser schließen sich der Reformation Schweizer Prägung an.
1655 – Piemontesische Ostern
Massive Verfolgungen mit tausenden Opfern.
1689 – Glorieuse Rentrée
Rückkehr aus dem Exil in die Täler des Piemonts.
1699 – Gründung der Kolonien in Deutschland
Rohrbach–Wembach–Hahn entsteht.
1848 – Bürgerrechte
1984 - Religionsfreiheit
Ende der rechtlichen Einschränkungen in Italien.